Die Praxis von Hoffnung und Bezugspunkten

Ich war die Tage mit einem alten Bekannten abends Essen und dabei fiel das Gespräch auch auf Fonds als Anlageinstrument. Das Gespräch handelte unter anderem davon, dass gewisse Fonds in letzter Zeit sehr in Mitleidenschaft gezogen wurden und der Wertverfall auch langfristig nicht mehr akzeptabel sei. Die subjektive Bewertung war dabei relativ klar und wurde deutlich kommuniziert: Fonds seien nicht die optimale Anlageform und das Geld solle in andere Instrumente transferiert werden.

Soweit, so gut. Die Entscheidung war damit auf dem Tisch. Aber die entsprechenden Positionen sollten noch behalten werden, bis der Wertverlust nicht mehr so groß sei. Auf meine Frage, warum er die Fonds nicht auflöse und das Geld in vermeintlich bessere Anlageformen investiere, erhielt ich folgende Antwort:

Ich hoffe, dass zumindest der Einstiegspreis wieder erreicht wird, dann löse ich alles auf.

Zwei Punkte fallen bei der Betrachtung dieser Antwort auf:

  1. die Hoffnung, die sogar wörtlich benannt wurde
  2. das Kriterium des Erreichens des Einstiegspreises (auch Bezugspunkt genannt)

Diese beiden „Symptome“ sind bezeichnend für den Dispositionseffekt. Dieser besagt, dass sich ein Anleger im Gewinnfall risikoscheu verhält, im Verlustfall (wie in diesem Beispiel) hingegen risikofreudig. Dies führt in der Konsequenz dazu, dass zu lange an verlustbehafteten Positionen festgehalten wird. Verluste können sich so in der Hoffnung darauf, dass der Kurs irgendwann doch wieder das Einstiegsniveau erreicht und man mit einem blauen Auge davon kommt, immer weiter vergrößern. Dies kann u. U. so weit fortschreiten, bis eine neue Schmerzgrenze erreicht wird, die dann zu einer Art Zwangsauflösung der Position führt (z.B. Existenzbedrohung, Totalverlust, oder andere finanzielle Bedürfnisse, die sofortigen Mittelzufluss erfordern).

Während sowohl das Kapital, als auch die Zeit mit einer derartigen Verliererposition verstreichen, könnte man das noch vorhandene Kapital in gewinnbringende Engagements investieren und die Zeit für Renditechancen nutzen.

Die Handlungsempfehlung lautet: den Verlust akzeptieren, und das Geld in andere Engagements transferieren.

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